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Ich bin bei den OMAS GEGEN RECHTS. Was heißt das?

Unsere OMA Hilde von Balluseck schreibt: Ich bin bei den OMAS GEGEN RECHTS. Was heißt das?
Zunächst mal will ich ein Wiedererstarken nationalsozialistischer Bewegungen und Gedanken verhindern. Ich müsste kämpfen gegen Nazis, gegen Nationalismus, gegen Unterdrückung der sexuellen Selbsbestimmung. Und für die Integration von Flüchtlingen, für ein friedliches Europa, für… Da gibt es noch so vieles.
Das schaffe ich nicht. Ich muss mich begrenzen, bin froh, wenn ich ab und zu ein bisschen meine Meinung kundtun kann. Zum Beispiel als Teilnehmerin einer Kundgebung der Verfolgten des Naziregimes am 9. November in Moabit, auf der Levetzowstraße. Ich gehöre dahin, weil mein Vater desertiert ist. Es sind also „meine“ Leute, die sich dort versammelt haben. 


Ich war zum ersten Mal dabei und staunte, wie viele Menschen gekommen waren, ich schätze 2-300 waren es. Der erste Redner hat mich geärgert, weil er Israel-Kritik mit Antisemitismus gleichsetzte. Diese Gleichsetzung haben wir in Politik und Medien und sie ist ein großes Problem, weil die Antisemiten Zulauf kriegen, wenn ein Aspekt dieser Diskussion unter den Tisch gekehrt wird. Aber Rettung nahte. Die Sprecherin einer jüdischen Jugendorganisation – leider, leider habe ich nicht notiert, welche – hielt eine phantastische Rede. Sie sprach von den Menschenrechten der Juden UND der Muslime UND der Palästinenser. So lange es solche jungen Leute gibt, muss man die Hoffnung nicht aufgeben. Und zwischendrin gab es jiddische Lieder, gesungen von einer Frau. Sehr schön. Ich musste nach einer Stunde gehen, weil mir kalt war und ich nicht mehr stehen konnte. Nächstes Jahr werde ich wieder dabei sein.
Etwas für die Seele war der Besuch des Konzerts des Neuen Chores Alt-Schöneberg, ebenfalls am 9. November, in der Apostel-Paulus-Kirche. Aufgeführt wurde ein Oratorium von Michael Tippett, Leiter war der phantastische Sebastian Brendel. Dass der das Stück „A Child of our Time“ ausgesucht, geprobt und aufgeführt hat, dafür möchte ich ihm an dieser Stelle ausdrücklich Dank sagen. Tippett hat nämlich den Mord eines jungen Juden, der von den Nazis als Anlass für die Reichspogromnacht benutzt wurde, mit einem ergreifenden Text zum Schicksal des jungen Menschen versehen. Ein besseres Stück zum 9. November hätte man nicht hören können. Und – naja – schön war es ja auch: Der Chor, die SolistInnen, das Orchester, die Musik. Wir waren wohl alle sehr bewegt.
Eine Aktion gegen rechts war der Konzertbesuch nicht. Wohl aber eine Stärkung meiner Überzeugungen, und das kann man ja gut gebrauchen in dieser Welt, die so zerrüttet ist.
Heute eine Gegendemo von NoBärgida, einer Untergruppe von Berlin gegen Nazis, zu Bärgida, dem Berliner Ableger von Pegida, am Hauptbahnhof. Nach dem Programm, das Bärgida auf ihrer Seite veröffentlichen, dachte ich noch, die sind keine Nazis, dort wurde nämlich der Nationalsozialismus verurteilt. Aber vermutlich war das ein Einzeltäter. Denn das, was ich von dem Bärgida-Lastwagen vernehmen musste, war AFD-Nazi-Talk: Verschwörungstheorien, eine Verdammung der Bewegung gegen den Klimawandel, Ablehnung der so mühsam erkämpften EU und anderes mehr. Als ich um halb sieben (offizieller Beginn) eintraf, waren ein paar, vielleicht fünf, junge Männer dort, die ich erst durch Fragen nach der Gegendemo NoBärgida bei der Polizei gefunden habe. Nach einer Viertelstunde waren dann ein paar mehr da, und schließlich waren es vielleicht fünfzig Leute. Die Bärgida-Leute waren eher weniger, dafür hatten sie viele Fahnen. Die Reden waren schon schlimm, die Musik noch mehr. Der Aktivist von NoBärgida hatte ein Mikro und brüllte rein. Das übertönte jedenfalls auf unserer Seite den Krach von den Rechten, aber leider hat man wenig verstanden. Bis Einige mit dem besseren Gehör auch ein paar Sätze übernahmen wie „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda“, und wir konnten mitbrüllen. Konstantin Wecker war laut genug zu hören, bei dem Verstärker funktionierte die Akustik gut. Nach einer Stunde sangen die Bärgidas das Deutschlandlied, mit der Nazi-Strophe. Wir gingen zur Polizei und beschwerten uns. Ungerührt sagte der Polizist, der wohl Schlimmeres erwartet hatte, er würde das dem Leiter des Einsatzes melden. Tja, fragt man sich, wieso hat denn die Polizei nicht eingegriffen? Aber so weit sind wir nicht gegangen, ihn zu fragen. Und wir OMAs waren nur drei.
Diese Kundgebung hat zumindest den Anwesenden gezeigt, dass es Widerspruch gegen Nazireden gibt, der Zulauf in den Jahren davor war ja weit größer. Vielleicht kann man hier sogar von einem Erfolg der Gegendemos sprechen. Insofern bin ich erstmal zufrieden, auch wenn unsere Anwesenheit nicht die Meinung der Rechten ändern wird. Wie wir in diese Richtung mehr arbeiten könnten, ist mir nach wie vor schleierhaft.

18.Nov. 2019, Hilde von Balluseck, OMAS GEGEN RECHTS.Berlin

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