Wir schaffen das!“ Ein Satz von Angela Merkel, der am 31.8.2015 Geschichte schrieb.

Entstanden daraus auch Geschichten vom Gelingen?

Fünf Jahre später fragten wir uns, als OMASGEGENRECHTS.Berlin, ob das Öffnen der Grenzen und Herzen zu nachhaltig positiven Erfahrungen geführt hat.

Wie haben wir die zu uns eingeladene Vielfalt der Kulturen und Nationalitäten erlebt?

Entwickelten wir zusammen respektvolles, tolerantes Miteinander?

Wir baten Menschen die zu uns geflüchtet sind und Menschen, die entweder in der Flüchtlingshilfe beschäftig waren oder sind, davon einige unserer OMAs, uns ihre positiven Erlebnisse und Erfahrungsberichte zu zuschicken.

  • Elyas Hannoun

Ende 2013 kam ich als Geflüchteter mit meiner Familie aus Syrien nach Deutschland.

Als viele andere geflüchtete Menschen im Jahr 2015 nach Deutschland kamen, habe ich mich dazu entschlossen, ehrenamtlich dabei zu helfen. Innerhalb von zweieinhalb Jahren habe ich mehrere Projekte geleitet und mich für mehrere Hilfsorganisation wie DRK und Willkommensbündnis eingesetzt.

Ich habe einen Deutschkurs für Anfänger und Analphabeten entwickelt, eine Band gegründet, Menschen aus unterschiedlichen Nationalitäten zu den Behörden begleitet, Wohnungen vermittelt und viel mehr…

Nun konzentriere ich mich seit zwei Jahren auf mein Geschäft.

Meiner Meinung nach ist unsere Aufgabe, die Leute auf den richtigen Weg zu bringen und danach sollten sie ihren Weg alleine weiter gehen können. Ich wünsche den über 200 Personen, die ich bei dieser Phase kennengelernt habe, ein gutes sicheres Leben.

Anlässlich des Satzes von Frau Merkel „wir schaffen das“ vor fünf Jahren, würde ich am Ende des Satzes zufügen „wir schaffen das zusammen!“ Auf unser Gelingen!

  • Elisabeth Hebert

Mein kleiner Beitrag, die Flüchtlinge willkommen zu heißen:

Da ich, zwar unter total anderen, viel „freundlicheren“ Umständen, auch schon die Erfahrung gemacht hatte, wie es ist, wenn man in einem Land zurecht kommen muss, in dem man die Sprache nicht beherrscht, sich also nicht verständigen kann, war es naheliegend für mich, den Geflüchteten in diesem Punkt zu helfen.

Ich assistiere beim Deutschunterricht hier in meinem Kiez, im Sprengelhaus.

Seit Kurzem auch im Obdachlosenheim der Bahnhofsmission in der Lehrter Str.

Ich hoffe, den Leuten so ein bisschen bei der Integration helfen zu können.

Dazu muss ich noch sagen, wie unendlich ich gerade die älteren Leute bewundere, die, die eigentlich noch nie in der Schule waren und jetzt in einem fremden Land, in einer fremden Sprache erst einmal auch eine fremde Schrift lernen müssen. Sie machen das mit großem Enthusiasmus und freuen sich sichtlich über ihre Fortschritte!

Ich bin sicher, dass die gewonnenen Sprachkenntnisse ihnen das Leben ein bisschen leichter machen.

  • Franziska Merkel-Anger

Reza hat vor Kurzem ein kleines Restaurant eröffnet. Seine Frau ist Stadtteilmutter.

Als sie 2016 ihren Asylantrag stellten, weil sie als Christen im Iran keine Zukunft haben, wohnten sie monatelang, mit 80 anderen, in einer als Notunterkunft eingerichteten Turnhalle. Wir kennen uns schon seit damals. Aus dem Kleinkind der Familie wurde jetzt ein Schulanfänger und inzwischen auch „großer Bruder“.

  • Tooska Mosavat

Im Rahmen von BENN Zehlendorf (Berlin Entwickelt Neue Nachbarschaften – Standort Zehlendorf) arbeiten wir seit Januar 2018 (bis Dezember 2021) gemeinsam mit den Nachbarschaften Düppel und Berlepschstraße; innerhalb und im Umkreis der Gemeinschaftsunterkünfte Lissabonallee 6 (Schließung September 2020) und Hohentwielsteig 27/29.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren konnten wir gemeinsam mit Kooperationspartner*innen und Nachbar*innen – mit und ohne Fluchterfahrung – über 80 Maßnahmen umsetzten, die dem Zusammenhalt in den Nachbarschaften, dem Empowerment und der Beteiligung von Geflüchteten dienen.

Für mehr Informationen über unsere Arbeit, über das Berlinweite Programm BENN und für Kontakt- und Beteiligungsmöglichkeiten besuchen Sie bitte unsere Webseite: www.benn-zehlendorf.de

  • Ali und Franziska

freuen sich, dass der vor dreieinhalb Jahren mit seiner Familie aus dem Iran geflüchtete Steuerberater und Wirtschaftsprüfer nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung hier in Berlin nun seit dem 1. Juli einen unbefristeten Vertrag bei einer namhaften Steuerberatungsgesellschaft hat.

Wir haben viel zusammen erlebt: Ostern in der Notunterkunft, untergebracht mit 16 weiteren Geflüchteten im Klassenraum einer ehemaligen Schule, abgelehnter Asylantrag, zurückgewiesene Klage dagegen, bestimmt 100 Stunden in den Warteräumen verschiedenster Behörden, Angst beim Betreten der Iranischen Botschaft, um den von unserer Regierung geforderten Pass zu beschaffen, erste Tage in der Berufsschule im Alter von 44 Jahren und mit rudimentären Deutschkenntnissen, Tränen der Verzweiflung und Tränen der Freude. Jetzt wohnen wir in Nachbarschaft und sind uns gute Freunde.

  • Monika Mehr, Hassan und Reem

27.7.2015 Hassan aus Syrien kommt nach zum Teil dramatischer Flucht in Berlin an. Mit Nichts als seinem Leben.

Seine syrische Freundin Reem folgt ihm, sitzt in der Türkei fest, das Geld reicht nicht bis Deutschland.

Geldsammlung bei Freunden, SchülerInnen und KollegInnen. Es reicht um nach Berlin zu kommen.

Beide sind glücklich es geschafft zu haben.

Flüchtlingszelt – Flüchtlingsheim – „Ferien“ in meiner Wohnung – zusammen reden – Deutschkurse – Ausflüge in ein Konzert mit syrischen Musikern – gemeinsam Feste feiern.

Eine eigene Wohnung, Heirat, Deutsch-Prüfung, ein Sohn wird geboren, Picknicken, Weihnachtsmarkt.

Vorbereitungskurs um wieder als Pfleger bzw. Krankenschwester im Krankenhaus arbeiten zu können, Stelle in der Charité.

Eine Freundschaft, die Familien- und Kultur übergreifend weiter wächst. Danke!

Na klar – wir haben das geschafft! Alle zusammen.

  • Günther Schulze

Seit mehr als sechs Jahren engagiert sich das Willkommensbündnis für Flüchtlinge in Steglitz-Zehlendorf http://www.wikobuesz.berlin mit hunderten von Freiwilligen und einem großen Rückhalt in der Bevölkerung für die Menschen, die aus bitterer Not hierher gefunden haben und nun als neue Nachbarn Schutz und Perspektive erhalten.

Bei einem Besuch in der Unterkunft an der Lissabonallee machten die Bewohnerinnen und Bewohner und die dort Beschäftigten zusammen mit dem Willkommensbündnis mit der Aussage „Wir können das“ deutlich, wie sie den Satz von Angela Merkel gemeinsam weiter entwickelt haben.

  • Uscha Forster und Ena

Ena kam 2015 mit ihren beiden älteren Brüdern S. und M. aus Syrien nach Deutschland.

Wir lernten uns über das Netzwerk Asyl in meinem Dorf in der Nähe von Kaiserslautern kennen. Wir hatten keine gemeinsame Sprache. Ich sprach konsequent deutsch, in der Hoffnung, dass etwas Sinnhaftes ankam. Das Wichtigste dabei war, dass wir uns sympathisch fanden, uns „gut verstehen“ wollten.

Einmal in der Woche hatten wir eine Deutschstunde. Die drei lernten schnell. Für ein Wort brauchten wir allerdings zwei Jahre, bis sie es annahmen: „Heimweh“. Das starke Gefühl, die Wehmut blockierte den Verstand. Erst danach fanden sie Worte für das, was ihnen geschehen war und warum sie das Elternhaus verlassen mussten.

Bis dahin hatte S. ein Kinderbuch, in dem eine Fluchtgeschichte beschrieben war, Wort für Wort abgeschrieben, um es auswendig zu lernen. Wenn wir uns trafen, erzählte er mir die „Geschichte“ aus dem Buch in Deutsch.

Wir freundeten uns mit den Dreien an, kamen sogar mit den syrischen Eltern einander zuwinkend über Skype in Kontakt.

In Sprachkursen erwarb Ena schnell A1-A2-B1, bis sie 2017 ihren Berufswunsch anstrebte. Sie wollte keinesfalls wie ihre Schwester und die Frauen ihres Heimatlandes traditionsgemäß nach der Schule heiraten, Kinder kriegen und zuhause den Haushalt führen. Sie sprach davon, Apothekenhelferin oder Kinderkrankenschwester zu werden. Um ihre Chancen fachlich und sprachlich zu verbessern, entschied sie sich auf Anraten der Personalabteilung des Krankenhauses, mit Unterstützung der Arbeitsagentur, für ein freiwilliges soziales Jahr im Krankenhaus.

Am Anfang ging es gut, sie lernte da auch schell die Umgangssprache Pfälzisch: Fiewerthermemeter, Bettpann, Bettwäsch wexle und kumm schnell emol her, wo bischde dann werre?

Sie bekam zunehmend das Gefühl, nicht da zu sein, wo sie sein sollte, fühlte sich von hier nach dort geschickt und immer war was falsch.

Zum endgültigen „Aus“ kam es, als sie während der Arbeit, ohne sich abzumelden, von der Station verschwand, der sie zugewiesen war.

Sie las eine WhatsApp von ihrem Bruder M., dass er einen Fahrradunfall hatte und ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Ena stürzte in Panik zu ihm hin. Sie gehörten zusammen. Das hatten die Eltern ihren drei Kindern mit auf den Weg gegeben. Was immer passieren mag, sie sollten zusammenhalten. Dieses Gebot war einfach stärker als die Arbeitsregelung im Krankenhaus.

Vermittlungsversuche, Aufregung, Ärger, Unverständnis auf allen Seiten. Aus der Traum von einer baldigen Ausbildung als Kinderkrankenschwester.

Kurz danach erfuhr ich, dass sich die drei Geschwister abseilen wollten und in der Nähe der holländischen Grenze Verwandte und Arbeit in einer großen Verpackungsfirma gefunden hatten.

Da wollten sie hin. Nur S., der Älteste mit der größten Verantwortung für das Trio, hatte in der Pfalz schon Fuß gefasst und wäre gerne geblieben. Den Abschiedsschmerz schleifte er hinter sich her, als er unser Haus verließ, ohne sich noch einmal umzudrehen.

„Ich habe euch soooo viel vermisst“, „Wie geht es dir Oma?“, „Passt auf euch auf“, lauteten die Whatsapp Botschaften nach dem Umzug.

Und zuletzt von Ena: „Es gibt Neuigkeiten“ – “Ich habe meine Ausbildung begonnen und ich habe mich verlobt!“.

  • Uscha Forster und Salim

Heute will ich nicht Deutsch lernen

Salim kommt mit dem Fahrrad. Die Sonne scheint, es ist warm, Frühjahr.

Was können wir zusammen machen, jetzt, wo du da bist? Salim möchte etwas mit den Händen machen.

Zuhause hat er (murmelnd: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag) am Samstag (!) immer seiner Tante im Garten geholfen. Na gut, ich pflanze in diesem Jahr Kartoffeln in alle drei Beete meines Gartenteils.

Wir brauchen:

Gummistiefel und Gartenhandschuhe (er nicht, da spürt er nichts) – Die Legekartoffeln – Das Messer zum Durchschneiden der Kartoffeln – Den Spaten (die oder der?) Der Spaten – Den Rechen (die oder der?) Der Rechen

Die Arbeit:

Zuerst müssen die Beete vorbereitet werden. Mit dem dreizinkigen (so ein schwieriges Wort) Gerät wird die Erde gelockert. Salim zieht alle 60 Zentimeter lange Furchen in die Beete, in die ich mit gleichmäßigem Abstand die halbierten Kartoffeln hineinlege. Dann werden die Reihen von beiden Seiten der Furche mit Erde bedeckt, die Salim mit dem Rechen festdrückt. Ein Fischgratmuster entsteht.

Stolz und zufrieden betrachten wir unsere Arbeit. Wurzeln bilden und Wachsen müssen die Kartoffeln alleine. Sie brauchen Regen und Wärme, Nahrung aus dem Boden.

Manchmal kommen Kartoffelkäfer, die das Grün abfressen. Da müssen wir aufpassen und sie einsammeln.

Die Ernte?

Wie lange dauert es, bis die Kartoffeln geerntet werden können?

Ende September ist es wahrscheinlich so weit. Wir werden es erkennen, wenn alles Grüne der Pflanzen vertrocknet ist, das heißt dann Kartoffelkraut. Davor müssen die Reihen aber noch angehäufelt werden, wenn die Pflanzen etwa 30 cm hoch gewachsen sind. Hilfst du mir dabei? Ich schreibe dir eine What’s App. Als Salim 2 Monate später das gewachsene Kartoffelgrün sieht, meint er, ich hätte etwas anderes eingepflanzt. Das kannte er nicht von zuhause.

Uscha schreibt: „Es gäbe klar noch andere vom Gelingen, aber auch vom Misslingen und vor allem einige, für die man einen richtig langen Atem braucht.

Vielleicht ist es nicht abwegig zu sagen, dass zum Gelingen auch diejenigen gehören, die nicht aufgegeben haben bei den unendlich vielfältigen Widrigkeiten.“

Wir machen weiter, im Vertrauen in ein gutes Zusammenleben aller Kulturen und Nationalitäten.

Als OMASGEGENRECHTS.Berlin setzen wir uns, zusammen mit unseren Kooperationspartner*innen für Toleranz, respektvolles Miteinander und die Erhaltung der demokratischen Grundwerte ein.

Aus „Wir schaffen das“, machen wir „Wir können das“!

31.8.2020

5 Jahre #wirschaffendas #wirkönnendas2015-20 #omasgegenrechts