Offener Brief an Stephan von Dassel, Bezirksbürgermeister Berlin-Mitte

Berlin, den 16.10.2020

Sehr geehrter Herr von Dassel,

Sie waren mit Ihrer Entscheidung, eine sogenannte Friedensstatue für die japanischen „Trostfrauen“ des 2. Weltkrieges aufstellen zu lassen, auf einem guten, politisch relevanten Weg !

Diesen unterstützt auch, seit April 2019 der UN-Sicherheitsrat, durch eine, auf Initiative Deutschlands auf den Weg gebrachte Resolution gegen sexualisierte Gewalt in Konflikten. Dazu gehören den Vereinten Nationen zufolge nicht nur Vergewaltigung und Missbrauch, sondern auch erzwungene sogenannte Prostitution, Sterilisation, erzwungene Schwangerschaft oder erzwungene Abtreibung.

https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/internationale-organisationen/uno/resolution-2467/2212904

Indem Sie in Ihrem Bezirk genehmigten, dass der Korea-Verband im September diesen Jahres ein Denkmal für die „Trostfrauen“ aufstellen konnte, setzten Sie ein Zeichen für ein weltoffenes, antirassistisches Berlin. Gerade die Weltstadt Berlin kann dadurch aufzeigen, wie wir uns mit einer Vergangenheit von Gewalt und Krieg auseinandersetzen und damit dazu beitragen, dass kein Schleier des Schweigens über brutalste, sexualisierte Kriegsverbrechen an Frauen und Mädchen gelegt wird. Nur so gerät nicht in Vergessenheit, dass noch vor einer Generation, aber auch heute in den viel zu zahlreichen Konflikt-/Krisen-/Kriegssituationen Frauen und Mädchen „zum Trost“ der Soldaten brutal und systematisch erniedrigt, vergewaltigt und vielfach missbraucht werden.

Wir möchten erinnern an Konzentrationslager im ex-jugoslawischen Krieg, die dazu dienten, durch Massenvergewaltigungen das sogenannte „ethnic cleansing“ durchzuführen, also die ‚Reinrassigkeit der Feindesethnie durch Vergewaltigung und Schwängern der Feindfrauen zu zerstören.‘ (1992 bis 1995)

Wir möchten daran erinnern, dass Osttimor von 1975 bis 2000 von Suhartos Militär brutalst besetzt war. Frauen und Mädchen wurden auf die Soldaten verteilt und jahrelang missbraucht. Ging ein Soldat zurück ins Heimatland wurde die von ihm missbrauchte Timoresin bereits logistisch weitergereicht an den nachfolgenden Soldaten. Auch hier fand ein „ethnic cleansing“ statt, mit dem man die timoresischen Männer des Widerstandes symbolisch kastrieren und demoralisieren wollte. Albertina, eine 55-jährige Timoresin beschrieb 2 Jahrzehnte ihres Lebens wie folgt: „Ich habe 6 Kinder, drei Mädchen, drei Jungens. Ich empfing jedes einzelne unter Gewalt von insgesamt vier indonesischen Soldaten, die zu Beginn mein Haus besetzten und über Jahre blieben. Ging der Eine, kam der Nächste. Ich wollte meine Kinder trotzdem lieben und durch sie und mit ihnen leben. Ich liebe meine Kinder !

Wir möchten daran erinnern, dass sich jetzt im Augenblick Soldaten an Frauen und Mädchen im Kongo, in der Kivu-Region, im Sudan und überall dort, wo es kriegerische Auseinandersetzungen gibt, vergehen, um sich „trösten“ zu lassen und den feindlichen Mann zu demoralisieren und symbolisch zu kastrieren.

„Trostfrauen“, die vergewaltigt werden, zwangsgeschwängert werden, unfruchtbar gemacht werden sind kein Vergangenheitsphänomen des 2. Weltkrieges !! Das Thema ist sehr aktuell und eine große Scham für jede Zivilgesellschaft aus der eine solche Gewalt erwächst !

Die Statue der „Trostfrauen“ ist ein globales Symbol gegen Kriegsgewalt an Frauen und Mädchen.

Wir fordern Sie auf das „Trostfrauen“-Denkmal, als wichtigen Beitrag für Menschenrechts- und Friedenspolitik und die Aufarbeitung von sexualisierten Gewalttaten an Frauen stehen zu lassen!

Die OMASGEGENRECHTS.Berlin